Der Anfänger-Guide zum Freilernen / Unschoolen von Leo Babauta von Zenhabits

(The Beginner’s Guide to Unschooling)

Leo Babauta von Zenhabits ist einer DER großen amerikanischen Blogger und eine absolute Koryphäe zum Thema Persönlichkeitsentwicklung und als solcher auch in Deutschland sehr bekannt. Anders als in den USA, wo er lebt, ist im deutschen Sprachraum eine andere Sache weniger bis nicht bekannt: er ist Vater von sechs Kindern, wovon vier sich zuhause bilden. Ich habe seinen Bericht darüber ins Deutsche übersetzt – hier ist er. Ich stimme nicht in allem vollständig mit ihm überein (gerade zum Thema Streuen/Zeigen und im Verständnis von Deschooling), finde es aber trotzdem einen sehr guten Ein- und Überblick zum Thema schulfreies Lernen und freies Lernen generell.

Es gibt kaum ein Thema, zu dem ich als Vater mehr gefragt werde, als das Thema Unschooling – und es gibt nichts, das ich anderen Eltern mehr empfehlen würde.
Es ist eine Bildungsphilosophie, die mehr Freiheit beinhaltet als jede andere Lern”methode”, und die Kinder auf eine unsichere und sich schnell ändernde Zukunft vorbereitet als irgendetwas anderes, das ich kenne. Meine Frau und ich unschoolen mit vier unserer Kinder, und das bereits seit mehreren Jahren.
Und nun, obwohl ich glaube, das Unschooling so unglaublich kraftvoll ist, habe ich bisher noch nie darüber geschrieben. Denn die Wahrheit ist, natürlich habe ich nicht alle Antworten. Niemand hat das.
Die Schönheit des Freilernens liegt in der Suche nach den Antworten. Wenn irgendjemand alle Antworten hätte, gäbe es keine Suche. Darum liebe ich es, allen Freilernerfamilien zu sagen: die Suche ist die größte Freude überhaupt.
Aber ich greife vor: was ist überhaupt Unschooling? Warum solltet Ihr das machen? Wie solltet Ihr das machen? Was solltet Ihr lesen? Über all das wollen wir heute sprechen.

Was ist Unschooling/Freilernen?

Erstmal ist es eine Form des Homeschoolings. Aber es gibt keine einfache Antwort darauf außer im Vergleich zu regulärer Beschulung/Regelschule. Es gibt nicht „den einen Weg“, um unschooling zu machen, und Leute, die unschoolen, tun es häufig aus vielen verschiedenen Gründen und auf viele verschiedene Arten.

Nichtsdestotrotz, so beschreibe ich es – im Gegensatz zu (Regel-)Schule:

  • Während Schule Klassen mit verschiedenen Teilnehmern hat, ist das beim Unschooling nicht der Fall
  •  Während die Ziele in der Schule durch den Lehrer und das Schulsystem gesetzt werden, setzt der Unschooler/die Unschoolerin (das Kind) seine oder ihre eigenen Ziele
  •  Während in der Schule Wissen vom Lehrer an den Schüler weitergegeben wird (quasi von oben nach unten), wird beim Unschooling der Lernende in die Lage versetzt, selbst zu lernen
  • Während die Schule mit bestimmten Büchern oder Sets an Lernmaterial für jeden Bereich arbeitet, können Unschooler von allem und jedem lernen – mit Büchern, die sie finden, Sachen aus dem Internet, Geschwister oder Eltern, der Natur, Museen, von Menschen, die im Interessensgebiet arbeiten, von allem.
  • Schule ist strukturiert, Unschooling ist wie Jazz. Es wird unterwegs („on the fly“) gestaltet, es verändert sich mit der Veränderung des Lernenden
  • Während Schüler in der Schule lernen, den Anweisungen zu folgen, lernen Unschooler, für sich selbst zu denken und ihre ureigenen Entscheidungen zu treffen.
  • Während Schüler in der Schule dazu angehalten sind, in einem von Anderen mehr oder minder willkürlich festgesetzten Tempo zu lernen, lernen Unschooler in ihrem eigenen Tempo
  • Während in der Schule das Lernen im Klassenraum und zu festgelegten Zeiten passiert, findet beim Unschooling das Lernen ständig statt, und es gibt keine Trennung zwischen Lernen und Leben

Lassen Sie mich dies nochmal betonen: beim Unschooling ist das Leben selbst Lernen. Da gibt es kein „jetzt haben wir Schule“ …. Man lernt die ganze Zeit.
Unschooler lernen so, wie Sie oder ich als Erwachsene lernen: basierend darauf, was sie interessiert; sie finden heraus, wie sie selbständig lernen, verändern was sie tun, wenn sie sich verändern, benutzen welche Ressourcen und Lernmaterialien auch immer sie dazu finden, angetrieben von Neugier und praktischer Anwendung und nicht davon, dass jemand anders sagt, es sei wichtig.
Genauso habe ich gelernt als selbständiger Schriftsteller und Autor, als Entrepreneur, als Vater. Genauso werden unsere Kinder lernen, wenn sie erwachsen sind. Warum sollten sie jetzt nicht genauso lernen?

Warum freilernen?
Lassen Sie uns darüber nachdenken, worum es in der Schule geht: die Kinder auf Jobs (und Leben) in der Zukunft vorbereiten…. In einer Zukunft, die vermutlich noch ein Jahrzehnt oder noch länger entfernt ist. Nun denken Sie an die Veränderungen, die in einem Jahrzehnt oder länger stattfinden: wieviele von uns hätten vor 13 Jahren vorhergesagt, wie das Leben heute aussieht? Hätten wir die wirtschaftlichen Rezession wirklich so erahnt, oder den veränderten Arbeitsmarkt, oder die Tatsache, dass Smartphones und IPads und ebook reader so weit verbreitet sein würden? Und das ist alles erst ein kleiner Anfang.
Wenn wir nicht vorhersagen können, wie die Zukunft unserer Kinder aussehen wird, wie können wir heute entscheiden, was sie lernen sollten, um sie auf diese Zukunft vorzubereiten? Wir bereiten sie auf heutige Jobs vor, nicht auf morgige. Die Schule bringt Kindern eine Reihe von Fakten und Fähigkeiten bei, die sie vermutlich nicht brauchen werden in der Zukunft.
Unschooling verfolgt einen anderen Ansatz: Kinder lernen, wie man lernt, wie sie sich etwas beibringen. Wenn Du weißt, wie man lernt und wie Du Dir selbst etwas beibringst, dann bist Du auf jedwede Zukunft vorbereitet. Wenn in der Zukunft die Dinge, die wir heute wissen, teilweise überflüssig sind, dann werden diejenigen, die wissen, wie man lernt, darauf vorbereitet sein, sich das beizubringen, was auch immer gebraucht wird in der Zukunft. Die Person, die nur weiß, wie man von einem Lehrer lernt, wird einen Lehrer brauchen, um sich etwas beibringen zu lassen.

Weitere Gründe für Unschooling:

  • Es ist so, wie Entrepreneure lernen. Schulen bereiten die Kinder darauf vor, Anweisungen zu folgen, wie gute Angestellte, während Entrepreneure/Unternehmer Verantwortung dafür übernehmen, was sie wissen müssen und Entscheidungen für sich selbst treffen, und auch mal durch unbekannte Gewässer segeln. Unschooling bereitet Kinder darauf vor, Unternehmer zu werden anstelle von Robotern.
  • Es ist viel natürlicher. Das Schulsystem ist eine ziemlich moderne Erfindung, es ist nicht das, wie Menschen den Großteil unserer Geschichte über gelernt haben. Unschooling ist die Lernmethode die die meiste Zeit der menschlichen Geschichte über genutzt wurde – einschließlich solcher Leute wie Leonardo Da Vinci, Leo Tolstoi, Mozart, Einstein und Benjamin Franklin.
  • Es ist freier. Die Struktur der Schule ist gut für die Leute, die es mögen, wenn ihnen Entscheidungen abgenommen und für sie getroffen werden. Wer aber gerne seine eigenen Entscheidungen trifft und es mag, die Dinge an aktuelle Bedürfnisse anzupassen, wird mehr Freiheiten wollen.
  • Wir lernen mit den Kindern. Während in der Schule viele Eltern vom Lernprozess Abstand nehmen und von den Lehrern fordern, Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder zu übernehmen, lernen wir beim Unschooling mit den Kindern. Das Wichtigste, was ich je gelernt habe, ist das Lernen über das Lernen. Wir finden zusammen heraus, wie Lernen funktioniert, was der beste Weg zum Lernen für jedes einzelne Kind ist.
  • Lernen ist unbegrenzt. In der Schule wird das Lernen limitiert durch die Zeit im Klassenraum und mit den Hausaufgaben. Dann glauben Kinder, sie hören auf zu lernen und können spielen gehen und ihr Leben leben – als ob Lernen langweilig wäre und sie es nur tun, weil sie dazu genötigt werden. Aber Unschooler lernen, dass Lernen den ganzen Tag passiert, jeden Tag, egal, was man macht. Wenn Du nicht gerade ein Lehrbuch studierst, bedeutet das, dass Du nicht lernst? Kann man nichts dabei lernen, wenn man ein Spiel spielt, auf eine Wanderung geht oder mit Fremden spricht? Wie steht es damit, herauszufinden, wie man ein feines Dinner kocht, oder einen kaputten Wasserhahn repariert, oder wie man eine Festung baut? Lernen ist überall um uns herum, und es macht Spaß! Das ist es, was Unschooling uns zeigt.

Es gibt natürlich noch jede Menge anderer Gründe, und jeder Mensch wird seine eigenen Gründe finden. Das sind nur einige von meinen.
Wie man unschoolt
Das ist der schwierigste Teil, weil es keinen richtigen Weg gibt, es zu tun, keinen einzelnen Weg. Und Eltern, die damit anfangen, wollen immer, immer wissen, wie es geht, wie sie es machen sollen. Ich weiß, dass wir es auch so gemacht haben, und, um ehrlich zu sein, wir suchen immer noch nach der Antwort.
Warum gibt es keine Antwort? Weil jedes Kind unterschiedlich ist. Jeder hat unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen, Fähigkeiten, Ziele und Umgebungen. Was würdest Du sagen, wenn Dir Leute erzählen wollen, es gäbe nur einen einzigen Weg, Dein Leben zu leben, einen einzigen Weg, Deinen Job zu machen ? Du würdest es hassen, weil es Dir Deine Freiheit und den Spaß nimmt.

Dir zu erzählen, wie Du unschoolen sollst, ist das Gleiche: es nimmt Dir Deine Freiheit und den ganzen Spaß. Die Fragen sind alles, und das Finden der Antworten oder Wege ist der Spaß.
Das heißt, ich werde ein paar Beispiele zeigen, wie wir unschoolen, und ein paar, wie Du vielleicht Dinge angehen könntest – aber das sind nur Ideenansätze, um Dich an den Start zu bringen!

  • Hochschulgebunden. Unser 16jähriger hat beschlossen, dass er auf’s College gehen will, und lernt daher auf eigene Faust für den SAT (us-amerikanischer Test für Studienplatzbewerber), und belegt daher online einige freie Collegekurse und schreibt praktische College-Essays zu Themen, die er sich ausgesucht hat. Er lernt außerdem andere Dinge selbständig, wie eine 3D-Animation zu programmieren und Gitarre spielen.
  • Origami Meisterschaft. Unsere 13jährige möchte gut in Mathematik werden, daher belegt sie einige Mathematikkurse an der Khan Academy. Sie macht außerdem Origami und webt Freundschaftsbänder und liest Teenienovellen und Archie-Comics und spielt Klavier und geht in den Park, um Basketball zu spielen, und lernt gerne kochen.
  • Wölfe und Zauberer. Unser 8jähriger liebt es, über Wölfe zu lesen, und besteht oft darauf, dass er ein Wolf sei. Auch mal ein Zauberer oder ein Werwolf. Er spielt gerne Spiele und liest mit uns und denkt sich Geschichten aus und zeichnet. Er ist von sich aus ziemlich gut in Mathe, obwohl wir da wirklich nicht viel mit ihm machen.
  • Festungen und Restaurants. Unsere 6jährige mag es gern, vorgelesen zu bekommen, und interessiert sich nicht für’s selber lesen, obwohl sie durch Spiele und das Lesen mit uns lesen lernt. Sie mag kein Rechnen, aber nutzt es in Spielen. Sie baut Festungen und mag Kunst und liebt es, draußen zu spielen und ist sich sicher, sie werde mal ein Restaurant oder ein Geschäft besitzen.
  • Die Kraft der Fragen. Wenn die Kinder Fragen stellen, ist das eine Möglichkeit, etwas herauszufinden. Wir schauen es zusammen nach, oder suchen nach Büchern darüber in der Bibliothek.
  • Menschen, die man kennt, sind unglaubliche Ressourcen. Wenn Deine Kinder Koch oder Unternehmer sein wollen, kennst Du vielleicht jemanden, der Chef ist oder ein Restaurant besitzt. Wenn Deine Kinder IPhone-Spiele kreieren wollen, kennst Du vielleicht einen Programmierer. Wenn Deine Kinder sich für Wissenschaft interessieren, kennst Du vielleicht einen Meeresbiologen. Und so weiter. Bring sie mit diesen Leuten zusammen.
  • Spiele sind Dein bester Freund. Spielt alle Arten von Spielen. Sei nicht besorgt, was sie lernen. Sie werden Spaß haben, und lernen das das Leben ein Spiel sein kann, und damit können sie – lernen.
  •  Spaßprojekte. Kunst- und Wissenschaftsprojekte können eine Menge Spaß machen.
  • Interessen verfolgen. Wenn das Kind sich für etwas interessiert, zeig ihm, wie es mehr darüber herausfinden kann, oder spiel mit ihm.
  • Deschoole“/Entschule. Wenn Du neu bist im Unschooling, und Deine Kinder eine Weile zur Schule gegangen sind, ist es oft eine gute Idee, erstmal völlig zu entschulen. Das heißt, sich erstmal über Lernen oder Schule überhaupt keine Gedanken zu machen, für ein paar Wochen, für ein paar Monate. Die Idee dabei ist, dass sie – und Du !- das schulische Denken hinter Euch lassen könnt, was erstmal ziemlich schwierig sein kann, weil wir so sehr auf das schulische Denken trainiert sind. Wir glauben, wir müssen produktive Lehrer und Schüler sein, und dass Schule auf eine bestimmte Weise stattfinden muß, und dass wenn Kinder etwas nicht durch eine Aktivität oder Anstrengung lernen, dass es dann keinen Wert hat. All das ist natürlich Unsinn, also nimm Dir einige Zeit, um dieses Mind Set aus Deinem Kopf zu bekommen.
  •  Zeig ihnen was. Lerne, den Kindern alle möglichen Anreize zu bieten – Bücher und Magazine, die im Haus herum liegen, schaut interessante Sendungen, spielt alte Brettspiele, geht raus und erkundet Eure Stadt, trefft verschiedene Menschen, findet zusammen Zeug im Internet. Dieses Beleuchten verschiedener Sachen wird ihnen helfen, neue Interessen zu finden – auch wenn sie erstmal nicht interessiert zu sein scheinen, das Aufzeigen wird ihnen dabei helfen, neue Sachen von selbst herauszufinden.
  • Lernt unterwegs. Das Wichtigste ist, dass Ihr herausfinden müsst, was für Euch funktioniert. Probiert verschiedene Sachen aus. Spielt. Tut Dinge. Geht raus und macht Sachen einfach, trefft Leute, habt Spaß dabei, neue Dinge kennenzulernen.
    Spass und Freude, immer, niemals harte Arbeit, außer sie macht Spaß, niemals erzwingen, immer hingezogen werden.
  • Sei geduldig. Du wirst nicht sofort „Ergebnisse“ sehen… Die Veränderungen in Deinem Kind werden über die Zeit passieren, so wie es lernt, dass Lernen Spass macht und die ganze Zeit auf verschiedensten Wegen stattfinden kann. Vielleicht wirst Du frustriert sein, weil Dein Kind nicht lesen oder schreiben lernen will oder was auch immer. Aber stattdessen, lass es Musik machen oder Rollenspiele spielen oder Comics lesen oder draußen spielen.
  •  Vertrauen ist wichtig. Es ist schwierig am Anfang (wir sind immer noch dabei, es zu lernen), aber es ist wichtig, zu vertrauen, dass Kinder selbständig lernen können, mit minimaler Führung, und dass, wenn sie sich für etwas interessieren, sie es lernen können. Wir denken alle, Kinder könnten nicht alleine lernen, aber sie können es.

Ehe Du einen falschen Eindruck bekommst, sollte ich mich bei Eva bedanken, die die meiste unschooling- Arbeit mache (Eva ist großartig, auch wenn sie es nie zugeben würde). Sie hat mehr Bücher und Websiten zum Thema gelesen als ich, und macht das meiste tägliche unschooling, auch wenn ich ihr so viel wie ich kann helfe. Ich möchte außerdem meine wunderbare Schwester Kat erwähnen, die uns zum unschooling inspririert hat und eine der beeindruckensten unschooling-Mütter , die ich kenne.
Leo Babauta am 4. Oktober 2012

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13 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo Lena!

    Ich kann auch nur sagen: wow, vielen Dank fürs Übersetzen, toller Text! Ich lese zwar auch englischsprachiges, aber auf Leo Babauta bin ich noch nicht gestoßen.

    Magst du noch genauer schreiben, bei was/wie du anderer Meinung bist?

    Herzliche Grüße! Lucia

    1. Liebe Lucia,
      gerne 🙂
      Also, vorrangig, was das Deschoolen/Entschulen betrifft. Das klingt bei ihm so, als hieße es einfach, sich mal ein paar Wochen bisschen locker zu machen. Zum einen „Nicht ans Lernen oder Schule denken“ ist eigentlich was, was nicht „für eine Weile“ stattfinden sollte, sondern generell. Aber an den Punkt gilt es halt eben erstmal zu kommen. Insofern ist es sicher richtig, sich erstmal halt eben gänzlich zurückzunehmen. Als „Deschoolen“ wird allerdings meist eher (zurückgehend auf John Holt) der Prozess bezeichnet, der dann automatisch einsetzt: bei den Kindern rechnet Holt mit so vielen Monaten, wie das Kind Jahre in der Schule war, mindestens für diesen Prozess. In dieser Zeit kann es z.B. auch sein, dass das Kind ziemlich frei dreht, „ausflippt“, quasi testet, ob diese neue Freiheit jetzt tatsächlich echt und dauerhaft ist oder eine vorübergehende Illusion. Und wie weit sie geht. Bei z.B. einer Mobbingerfahrung unterdrückte Aggressionen oder unterdrückter Bewegungsdrang kommen hoch. (Das ist beispielsweise auch der Grund, warum viele freie Schulen gar keine Quereinsteiger von Regelschulen mehr nehmen, weil sie sagen, dass sie diese Zeit personell gar nicht begleiten können von der Kapazität her, weil hier über Monate Einzelbetreuung gebraucht wird.) Muss nicht sein, manche Kinder ziehen sich auch stark zurück – aber auch das möchte ja begleitet sein. Und bei den Eltern oft ähnlich, nur das deren eigener Deschooling-Prozess, der leider oft vergessen wird (aber i.d.R. wie ich finde sogar fast der Wesentlichere ist), viel länger dauert. Das immer wieder Hinterfragen, ob das denn so richtig ist, das Aufkommen alter Glaubenssätze teilweise mit aller Heftigkeit. Änderung des MindSets – oft ein jahrelanger Prozess. Ich glaube, Babauta meint diese Passage einfach als Übergang, bei dem man sich am besten erstmal quasi Urlaub nimmt, aber es klingt für mich missverständlich. Zumal dieser Begriff ganz ursprünglich sogar noch eine größere, nämlich gesellschaftliche Dimension und Definition hat/te, seit Ivan Illichs „Deschooling Society“/“Entschulung der Gesellschaft“, sh. hier: Wiki zu Deschooling
      Ansonsten, beim Thema „Streuen“/Strewing, bzw. sein Absatz mit dem Ausstellen und den Stimuli, da gehen die Meinungen eh in der „Unschooler-Welt“ sehr auseinander. Sachen hinzulegen, anzubieten, für die sich das Kind interessieren könnte – oder verschiedene Menschen treffen, das birgt m.E. (sicher auch freie – Schule -gesprägt) die Gefahr, dass das mit einem „um zu“ – Gedanken passiert, weil wir als Eltern es entweder für sinnvoll halten oder glauben, das könnte unser Kind interessieren. Das ist finde ich ein schmaler Grat. Unbenommen aber, dass es schon sinnvoll ist, raus in die Welt zu gehen und damit Neues kennenzulernen. Ich glaube oder habe es so erlebt, das das von alleine passiet.

      1. Hallo Lena!

        Danke für deine ausführliche Erklärung! 🙂

        Das ist mir kaum aufgefallen. ich habe auch die Holt-Definition im Kopf. Und ein Freilerner-Denken 😉 deshalb habe ich wohl drüber gelesen.

        Dass die freien Schulen keine Quereinsteiger nehmen finde ich interessant! Total nachvollziehbar mit deiner Erklärung

        Ja, das Steuen kann man bestimmt ganz unterschiedlich ausleben und verstehen. Mich erinnert es etwas an Montessori. Dazu fällt mir vor allem auch der Begriff Worldscooling ein, den ich bisher an radikalsten finde (wenn leider auch oft missverstanden)

        Herzliche Grüße!
        Lucia

        1. Hallo Lucia,
          ja, es war mir einfach wichtig; gerade bei einem „Beginners‘ Guide“, dass es nicht so nach kleinem Urlaub klingt. „Später“ ist das dann vielen klar – oder teilweise auch, nachdem sie es halt eben selbst erlebt haben in ihrer Familie.

          Ja, mit den freien Schulen bin ich da dann auch immer etwas hin- und hergerissen; weil es ja dahingehend bedeutet, dass, wer nicht von Anfang an „drin“ war, dann auch keine Chance hat 🙁 Aber es ist halt eben vom Hintergrund her auch verständlich- und oft geraten Schulen, die es anders machen, in eine schwierige Situation. Und zuhause hat man eben das 1:1.

          Bin ansonsten ganz bei Dir 🙂
          LG
          Lena

        2. Ach so, was das Streuen betrifft: ja, bei Montessori gibt es ja eine vorbereitete Umgebung. In freien Schulen manchmal ja mehr oder minder auch. Auch zuhause hat man das ja ein Stückweit – es stehen und liegen ja überall Dinge herum, die die Kinder finden und aufnehmen können 😉 Das war selbst bei uns IM Wohnmobil auf wenigen Quadratmetern während unserer Reisezeit der Fall. Das ist aber für mein Empfinden ein großer Unterschied, ob das Kind etwas aufnimmt, was ihm begegnet, oder ob ich das gedanklich schon so vorbereite gerade wie hier sogar mit dem tatsächlichen „Hintergedanken“ des Zeigens, also einem echten „Um zu“. Oder abgeschwächt die Vorbereitung dessen, was ich denke, was dem Kind gefallen könnte. Denn wenn ich das lasse, so kommen nach meiner Erfahrung manchmal ganz andere Sachen und Interessen zutage, als was ich gedacht hätte, was vielleicht interessant sein oder werden könnte. Ähnlich bei Unternehmungen – natürlich, draußen und unterwegs sein ist mit das Wunderbarste überhaupt. Aber das kann auch um seiner selbst willen stehen, dabei passiert dann schon genug 😉 Da gibt es die unterschiedlichsten Ausprägungen und man braucht sicher da auch nicht allzu päpstlich zu sein, da kann jede Familie ihren Weg finden. Nur so wie es hier formuliert war, klingt für mich da schon so ein gewisses „um zu“ mit. Und auch hier wieder, gerade für „Einsteiger“ finde ich das schwierig, es hat dann doch wieder so etwas von ich muß dem Kind was „beibringen“ und bin dafür zuständig, dass es genug lernt sozusagen.
          Auch an freien oder alternativen Schulen gibt es da unterschiedliche Wege: entweder Angebote oder Kurse von Erwachsenen ganz klar nur auf Anfrage und Initiative der Kinder. Mit dem Hinterfragen des eigenen Selbst, dass man da eben kein „weil ich meine, dass Kinder in diesem Alter z.B. ein Instrument lernen sollten“ dahinter hat. Oder auch der Ansatz, dass Initiativen auch auf Intention eines Lernbegleiters entstehen dürfen, einfach weil DER (oder die ;-)) Lust auf etwas hat und sucht evtl. Kids, die mitmachen. Oder halt eben, das gibt es ja auch, ein Angebot mit dem entsprechenden „pädagogischen Hintergrund“ dahinter, damit diese oder jene „Lerneinheit“ vermittelt wird.
          Zuhause ist es für mein Empfinden ähnlich.
          LG
          Lena

          1. Hallo Lena!

            🙂 ich mag deine Ausführungen! Ja, sehe ich genauso.

            Es macht wohl vor allem die Einstellung aus, mit der drangegangen wird. I

            Herzliche Grüße! Lucia

          2. Genau – die Haltung entscheidet bzw. es ist eine Haltung.
            Das ist allerdings manchmal erklärungs- oder diskussionswürdig, schätze ich.

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