Die Mauern fallen

25 Jahre Mauerfall. Ich erinnere mich noch gut daran. Ich war 15 Jahre alt und war überwältigt, was da ablief. Es war klar, dass wir irgendwie Teil von etwas ganz Besonderem wurden.  Diese Bilder – der verwirrte Sprecher, der gar nicht wusste, was er davon halten sollte, was er da zu verlesen hatte.  Die Bilder von den vielen Menschen auf und neben der Mauer, 500 km entfernt. Auch als „Wessi“ eröffnete sich in den nächsten Tagen, Monaten und Jahren eine neue Welt, eine andere Welt. Lernen, schnell ! Reisen, kennenlernen, Teil des sich schnellverändernden, Bewegenden sein, wenigstens ein bißchen. Im Geschichtsunterricht war dies ohnehin, hust, zu kurz gekommen.

„Zusammenwachsen, was zusammen gehört“ – ja, absolut ! Und doch wuchs (und wächst zum Teil noch) es bisweilen holprig. Beschnuppern, (neu) kennenlernen. Mit allem, was dazugehört. Das dauert – unsere Generation und auch vielleicht eine vor uns, wir kannten das Land nur geteilt. Meine Kinder kennen es – zum Glück – nur nach der Wiedervereinigung. Für sie wird „Ossi“, „Wessi“ oder „Wossi“ hoffentlich nur noch Geschichte sein, mit der sie (ebenso hoffentlich) achtsam umgehen. Teilweise waren Familien auseinandergerissen; vieles, was sich ereignete – und was das für den Mikrokosmos Familie bedeutete – , ist rückblickend oder nicht selbst erlebt fast unvorstellbar. Nur noch wenige Jahre, dann ist die Mauer so lange niedergerissen, wie sie gestanden hat. Und doch dauert es sehr lange, ihre Auswirkungen ebenfalls „abzubauen“. Vieles allerdings passiert auch ganz selbstverständlich – es liegt ja immer auch ganz stark am einzelnen Menschen selbst.

Und noch etwas verbinden wir mit dem 9. November; Gedenken an all das Furchtbare, das am 9. November 1938 geschah. Fassungslos macht dieses; und ja, wir müssen unserer ganz speziellen deutschen Geschichte in jeder Hinsicht sehr bewusst sein.

Ich kann nicht umhin, auf den ersten Blick mag es nicht passen; ich muss da auch an die Schulpflicht denken. 1938 wurde mit dem Gesetz über die Schulpflicht im Deutschen Reich (Reichsschulpflichtgesetz) der SchulZWANG, wie wir ihn seitdem kennen und den es in dieser Form nahezu nirgendwo anders gibt, eingeführt:

§12. Schulzwang. Kinder und Jugendliche, welche die Pflicht zum Besuch der Volks- oder Berufsschule nicht erfüllen werden der Schule zwangsweise zugeführt. (Hierbei kann die Hilfe der Polizei in Anspruch genommen werden.)

Dies ist ein qualitativ enormer Unterschied zur grundsätzlichen Pflicht oder Absichtserklärung, die in unterschiedlichen Ausprägungen bereits zuvor bestand (dazu demnächst mehr), teilweise auch mit Aufforderungscharakter, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen.

Was während der NS-Diktatur damit bezweckt werden sollte, ist relativ klar. Die Schule war Teil einer riesigen Propagandamaschinerie. Warum man die Anwesenheitspflicht in dieser Form nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beibehielt, darüber darf man sinnieren. Zum Zwecke der Entnazifizierung vielleicht ?

Wie allerdings dann heute teilweise immer noch diese Pflicht als Sinnbild für Freiheit gelten kann, erschließt sich mir nicht. Wie kann Freiheit aus Zwang entstehen? Frei nach dem Motto, „zum eigenen Glücke zwingen“? Es gibt wunderbare Schulen (oft private..) und ganz schreckliche. Es gibt Kinder, die finden Schule toll und anderen tut sie gar nicht gut.  Eltern brauchen sie bisweilen auch einfach als Betreuung. Ich will niemandem den Schulbesuch ausreden. Aber Zwang, das ist nicht in Ordnung. Die Schulpflicht, so wie sie ist, ist alles andere als zeitgemäß.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Mauern fallen, wenn die Zeit gekommen ist. Auch, wenn man vorher vielleicht noch gar nicht so richtig damit rechnet. Ich glaube, dass Menschen etwas bewegen, wenn sie für ihre Überzeugungen einstehen; daran, dass man vieles bis alles verändern kann, wenn sich genug Menschen engagieren, wenn genug Menschen ihre Meinung sagen. Die Bürger HABEN Macht. Erst recht in einem doch relativ freien Land. Sie vergessen es nur manchmal. Wir können so vieles schaffen, wenn wir es wirklich wollen und daran glauben. Wir sind viele 🙂 Es gibt so viele größere und kleinere Bewegungen dahin, und immer mehr momentan. Ich glaube, auch die Mauer Schulpflicht wird fallen.

Ganz viele Bürgerargumente finden sich hier (eine Unterseite des Bundesverbandes Natürlich Lernen! e.V., der sich seit Jahren für das freie Lernen einsetzt und engagiert):

http://www.goodbye-schulpflicht.de/

 

 

 

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